Home --- Klinische Informationen: Symptome, Diagnose, Behandlung --> Das Problem der seronegativen Borreliose
Ein trivialer, vom Patienten leicht auszuschließender Grund ist, daß -immer ohne Begründung- häufig zwei positve Ergebnisse verlangt werden (zweistufiger Test (engl. two-tiered test) "ELISA + Western Blot"):
"Dieses Verfahren [zweistufig zur Erhöhung der Spezifität] [fehl-]diagnostiziert bis zu 90 % der Borreliosefälle als gesund (Cameron DJ. 1999). ... [Hingegen] haben verschiedene Studien gezeigt, daß sowohl die Spezifität als auch die Sensitivität zwischen 92 % und 96 % liegen, wenn man allein mit dem Western Blot testet und nur zwei spezifische Banden berücksichtigt (Harris N. 1998, Ma B, et al. 1992, Engstrom SM et al. 1995)." (Quelle des Zitats: Evidence-based guidelines for the management of Lyme disease, Expert Rev Antiinfect Ther 2004;2(1 Suppl):S1-13)
Der beschriebene zweistufige Test "ELISA + Western Blot" geht davon aus, daß der zuerst angewandte Testtyp (ELISA oder ähnlich) das Charakteristikum eines "screening"-Tests habe, d.h. so gut wie keine falsch-negativen Ergebnisse und zu viele falsch-positive Ergebnisse liefere. Das erscheint angesichts der vielen Fehler der ELISA nicht recht glaubhaft. Arthur Weinstein (im Cache), Direktor des Diagnostic Immunology Laboratory und ehemaliges Mitglied des Kommittees, das den heute angewandten Standard für Lyme-Tests ("Dearborn criteria", Two-Tiered Testing") entwickelte, sagte, daß Western Blots unter anderem deshalb nicht sofort, sondern erst zur Bewertung eines ELISA angewendet werden, weil sie zu arbeitsintensiv und teuer seien, im Gegensatz zu ELISA, der ein automatisierter Test sei: "Was unzuverlässig ist, ist die Interpretation der Resultate durch Ärzte und Patienten" (A. Weinstein). Die Kosten der Reagenzien für einen Western Blot liegen bei etwa 15 Euro. Es ist also denkbar, daß ELISA aus kurzsichtig wirtschaftlichen Gründen eingesetzt wird, kurzsichtig in dem Sinne, daß die volkswirtschaftlichen Folgekosten einer durch diesen Test nicht erkannten Borreliose unberücksichtigt bleiben.
Die Nachweis-Empfindlichkeit (Sensitivität) und Spezifität von Borreliosetests werden als nicht angemessen empfunden ("some studies indicate up to 50% of the patients tested for Lyme disease receive false negative results", Tip 5 von Top ten tips to prevent chronic Lyme disease"), weswegen manche Ärzte den zeitlichen Verlauf der Testergebnisse höher bewerten als ihr absolutes Ergebnis. (Man beginnt möglichst mit dem Tag des Zeckenstichs, um einen Bezugswert zu haben, von dem aus alle zeitlich folgenden Tests bewertet werden.) Abgesehen davon können wir mit Borrelien infiziert sein, ohne daß Antikörper gegen Borrelien in unserem Blut entdeckt werden (Beispiele dafür, ausgeführt u.a. in Arbeiten von U. Everth, U. Weller und A. Waldherr, 2005 und U. Everth, 2010). Daher stützt man sich hauptsächlich auf das (klinische) Erscheinungsbild des untersuchten Menschen und verwendet die Tests als eine Auskunft unter mehreren zum Gesundheitszustand (Burrascano, JJ "Diagnostic Hints" in "DIAGNOSTIC HINTS AND TREATMENT GUIDELINES FOR LYME AND OTHER TICK BORNE ILLNESSES", Liegner, KB "Eine vernünftie Suche nach Antworten", Beispiel). Interessanterweise wurde in jüngster Vergangenheit selbst die Verläßlichkeit des klinischen Bildes in Frage gestellt.
Abgekürzte thesenhafte Darstellung zweier Probleme bei serologischen Tests (Hintergrund-Literatur auf Lymenet.de)
Man versucht, Gründe für die geringe und variable Sensitivität des gebräuchlichsten serologischen Tests, der ELISA und des Westernblots, zu finden (s. auch Mogilyansky E, Loa CC, Adelson ME, Mordechai E, Tilton RC., Comparison of Western immunoblotting and the c6 lyme antibody test for laboratory detection of lyme disease, Clin Diagn Lab Immunol. 2004 Sep;11(5):924-9.). Unter anderen sind es zwei Gründe, welche diskutiert werden:
Man hat Antikörper, die
Zu (1) Unsere Antikörper binden sich an Borrelien(Protein), weil sie eine zu diesen Proteinen stereometrisch komplementäre Form haben, d.h. ein 3-D-Negativ (von Teilen) dieser Proteine sind, wie etwa eine Kuchenform und der in ihr hergestellte Kuchen. Man vergleicht diese Art des stereometrischen Zusammenpassens auch mit der von Schlüssel und Schloß. Bei der ELISA taucht man im Schritt 2 einen Schloßtyp (ein vom Testhersteller gewähltes Borrelienpräparat) in unser Blut und will damit die passenden Schlüssel "herausfischen", also (im allgemeinen freie) IgG- oder IgM-Antikörper, die unser Immunsystem in unserem Blut gegen die eingedrungenen Borrelien gebildet hat.Daher führt man (unter vielen anderen) zwei Umstände als Gründe dafür an, daß die ELISA-Ergebnisse so stark variieren. ihre Aussagekraft also gering ist.
- Die Zahl der auf diese Weise gefundenen Schlüssel ist umso geringer, je schlechter die Schlösser passen. Umgekehrt folgt, daß ein Labor, das mehrere Borrelienstämme (im Bild: "Schlösser") unserem Blut anbietet, mehr Antikörper-Quantität findet (d.h. einen stärkeren ELISA-Titer bekommt).
- Der in den Labors am häufigsten verwendete Borrelientyp, B31, hat weniger vom Protein p23 (im Bild: eine geringere Anzahl von "Schlössern") als manch anderer. ELISA mit B31 wird daher einen geringeren Titer erbringen, als für uns angebracht, wenn wir von einem anderen Stamm als B31 infiziert sind.
- Man beachte auch, daß das absolute ELISA-Signal für p39 als weniger aussagekräftig angesehen wird als seine Abweichung vom Wert für einen Gesunden.
- Für die Intensität des ELISA-Signals gilt nach Ansicht von namhaften auf Borreliose spezialisierten Ärzten Ähnliches wie für einen Fingerabdruck: Das Wichtige ist, daß das Signal überhaupt vorhanden ist. Ein starkes Signal bedeutet nur, daß viele freie Antikörper in unserem Blut gefunden wurden. Unsere Antikörper gegen Borrelien-Proteine können aber auch in Komplexen gebunden sein, und diese entdeckt eine ELISA nicht, die nur die "Schlösser" für freie Antikörper anbietet (weil im Bilde gesprochen, die "Schlüssel" (unsere Antikörper) mit einem klumpigen Belag versehen sind, wobei mit Belag ein Molekülteil gemeint ist, der sich mit unserem freien Antikörper verbunden hat).
- weiterführende Literatur: Kaiser R. False-negative serology in patients with neuroborreliosis and the value of employing of different borrelial strains in serological assays., J Med Microbiol. 2000 Oct;49(10):911-5.
- Das Labor weiß nicht, welcher Borrelientyp uns infiziert hat. Es gibt sehr viele solcher Bb-Stämme, zusammengefasst unter dem Namen "Borrelia burgdorferi sensu lato". Hier sind über 300 Bb-Stämme aufgeführt.
- Wenn wir Borreliose haben, sind in uns zuweilen mehr als ein Borrelien-Stamm (Ruzic-Sabljic E. et al., Comparison of Borrelia burgdorferi Sensu Lato Strains Isolated from Specimens Obtained Simultaneously from Two Different Sites of Infection in Individual Patients..
- Mogilyansky E, Loa CC, Adelson ME, Mordechai E, Tilton RC., Comparison of Western immunoblotting and the c6 lyme antibody test for laboratory detection of lyme disease.
- Das Labor hat seinen ELISA-Test -und damit das Borrelienpräparat (das "Schloß")- von irgendeinem Anbieter erhalten. Die Tests sind nicht standardisiert:
- Stand 1997: Coyle PK, "Borrelia burgdorferi infection: clinical diagnostic techniques", Immunological Investigations 26(1&2):117-128 (1997),
- Medline-Suche zum gegenwärtigen Stand mit folgenden Stichworten in der Suchmaske: "standardize* AND elisa AND lyme NOT animals".
Zu (2): Nur spezielle Tests brechen die genannten Komplexe auf (mehr).
Mehr Info auf Lymenet.de zu "diagnosis AND ELISA".
Thesen (stichwortartig) zum Thema: Welche Prozesse führen dazu, daß die zeitliche Entwicklung von Testergebnissen nicht brauchbar ist als Indikator für den Verlauf einer Therapie:
Es gibt einen Grund dafür, daß in wissenschaftlichen Studien zur Persistenz genauere Untersuchungsmethoden als der "Titer" angewendet werden. Beispiel: Hodzic E, Feng S, Holden K, Freet KJ, Barthold SW. Persistence of Borrelia burgdorferi Following Antibiotic Treatment in Mice. Antimicrob Agents Chemother. 2008 Mar 3; (lokales Link)
Solche Studien haben es in der Regel nicht einmal erwogen, den Verlauf des "Titers" als Indikator heranzuziehen.
Zusammenfassung: Unsere mögliche Beteiligung an der Entscheidung zwischen "Test ist positiv" und "Test ist negativ"
Die Labors teilen unserem Arzt das detaillierte Antikörper-Spektrum mit, und -weil es dafür anders als bei vielen anderen Krankheiten von der Forschung noch keine festen Richtlinien gibt- muß dieser sich zusammen mit uns für einen "dynamischen Antikörperfingerabdruck" entscheiden, der als positives Anzeichen für eine Borreliose gewertet werden soll.
Als Patient/in, für die/den ein Borreliosetest gemacht wird, müssen wir uns also mit dem Stand der diesbezüglichen Forschung vertraut machen. Eine entsprechende Literatursuche könnte mit der auf Lymenet.de angegebenen Literatur beginnen, insbesondere mit der Zusammenstellung Art Doherty's.
Beim Entgegennehmen des Testergebnisses könnten wir also fragen,
Dann schauen Sie in den folgenden Listen (1, 2) nach, ob die genannten Banden ausreichend Hinweis auf Borreliose sind. Hier ist zum Vergleich der Befundbericht, den Marianne, meine Ehefrau, bei dem in der amerikanischen Lyme Community geschäzten Ken Liegner erhalten hat:
Engstrom SM, Shoop E, Johnson RC. Immunoblot interpretation criteria for serodiagnosis of early Lyme disease. J. Clin. Microbiol. 33, 419Ð427 (1995).
Harris N. An understanding of laboratory testing for Lyme disease. J. Spiro Tick Dis. 5, 16Ð26 (1998).
Ma B, Christen B, Leung D, Vigo-Pelfrey C. Serodiagnosis of Lyme borreliosis by Western immunoblot: reactivity of various significant antibodies against Borrelia burgdorferi. J. Clin. Microbiol. 30, 370Ð376 (1992).